Das Amt für Utopien

Wie eine hölzerne Wunsch-Visualisierungs-Maschine Vorpommern zusammenbringt

Die Frühlingssonne scheint an diesem Freitagnachmittag fast schon sommerlich vom wolkenlosen Himmel über Krebsow. Vor der Kulisse der alten Backsteinscheune herrscht emsiges Treiben: Es wird gemalt, geschmirgelt und nachjustiert. Letzte Handgriffe an einem gelben, hölzernen Kasten auf Rädern, der aussieht wie die charmante Kreuzung aus einem historischen Zirkuswagen und einer sehr gelben Amtsstube aus einem Fantasy-Film. Es riecht nach frischer Farbe, Holzsplittern und Aufbruch. Was hier in der vorpommerschen Idylle Gestalt annimmt, ist kein gewöhnliches Kunstobjekt – es ist die Wunsch-Visualisierungs-Maschine 26, kurz WVM26.

Die Idee hinter dem gelben Kasten ist so simpel wie tiefgründig. In einer Zeit, in der das Gefühl, abgehängt zu sein und nicht gehört zu werden, im ländlichen Raum oft in Frust umschlägt, will die WVM26 einen Keil in die Sprachlosigkeit treiben. „Um mit Leuten ins Gespräch zu kommen, braucht es einen Eisbrecher oder irgendwas, was erstmal neugierig macht“, erklärt die Künstlerin Anett Simon, eine der kreativen Köpfe hinter dem Projekt.

„Und man erstmal denkt, hä, was ist das denn? Ja, was soll das denn hier? Was ist denn das Komisches?“ Genau dieses heilsame Durcheinanderbringen ist Kalkül. Die WVM26 dockt an den Alltag an, bricht ihn auf und schafft Raum für das, was oft im Verborgenen und Unausgesprochen bleibt: die eigenen Sorgen, Sehnsüchte und Bedürfnisse.

Das Prinzip der Maschine ist ein augenzwinkernder, sehr deutscher Bürokratie-Parcours. Alles beginnt an der „Abt. 1 WA Wunsch-Annahme“. Wer mutig genug ist, füttert die Maschine mit seinem Anliegen. Weiter geht es zur „Abt. 2 WB Wunsch-Beleuchtung“.

Hier, an einem kleinen Tisch in der „Amtsstube“, wird der Wunsch im Gespräch seziert. Es ist ein Raum des Zuhörens. Erst danach wandert die Idee tiefer in die Maschine, in die „Abt. 3 VU Visualisierungs-Unterstützung“. Dort sitzt – völlig analog – ein echter Mensch in der Box und bannt den Wunsch als Zeichnung oder Grafik aufs Papier. Doch kein deutscher Prozess ohne Bürokratie: Bevor das Werk die Wunschausgabe verlässt, wird es im offiziellen Wunschregister abgelegt. Anett Simon schmunzelt: „Das ist ein Buch und da wird er natürlich registriert, weil wir sind ja in Deutschland.“ Am Ende rutscht der visualisierte Wunsch mitsamt einer „Wunschquittung“ aus einem orangenen Plastikrohr.

Hinter dem spielerischen Ansatz steckt harter, demokratischer Ernst. Die Initiator*innen wollen Zuhören und Menschen zur Reflektion ermutigen. „Um eben einfach auch populistischen Strömungen dieses Feld nicht zu überlassen“, betont Anett Simon die politische Dimension des Projekts. Es geht um Sichtbarkeit und um Selbstwirksamkeit in einer Region, die oft mit Klischees von Leere und Stillstand kämpft. „Wenn man die eigenen Wünsche wenigstens schon mal sichtbar macht, kann es schon mal ein erster Schritt sein, um auch gesehen zu werden und um auf die eigenen Bedürfnisse aufmerksam zu machen.“ Die WVM26 holt die Menschen da ab, wo sie sind, nimmt ihre Sorgen ernst und ermutigt sie, selbst aktiv zu werden. Die Wunschquittung enthält deshalb eine Einladung zu einem Workshop: Per Siebdruckverfahren können die Teilnehmer ihren Wunsch optisch vergrößern und ihn so selbstbewusst in den öffentlichen Raum tragen. Eine rollende „Amtsstube“ der Ermächtigung, unterstützt durch die Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost und das landesweite Bündnis „Zusammen bewegen“.

Holt die WVM in euer Dorf! Ihr feiert bald ein Kulturfest, ein Feuerwehrjubiläum oder einen Dorfgeburtstag und wollt, dass die Wunschvisualisierungsmaschine bei euch Halt macht? Ihr wollt beim nächsten Einsatz mal vorbei schauen? Oder ihr möchtet dieses großartige Projekt finanziell unterstützen?

Dann schaut hier auf der Website und bringt die Wünsche eurer Gemeinde ins Rollen!

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