Vom Herbst ’89 an die Haustüren von heute

Eine Geschichte von Mut und lebendiger Geschichte

Es ist ein sonniger Spätsommertag in Greifswald. Draußen weht eine kühle Brise durch die Straßen, drinnen schenkt Hinrich Kuessner dampfenden Auflöse-Kaffee in die Tassen ein. Vor ihm sitzen zwei junge Frauen, beide nach 1990 geboren – eine Generation, die die DDR und die Friedliche Revolution nur noch aus Geschichtsbüchern, Dokumentationen oder dem Unterricht kennt. Kuessner, 1943 als Kind einer ostpreußischen Flüchtlingsfamilie geboren, schaut auf ein bewegtes Leben voller historischer Wendepunkte zurück. Doch der 83-Jährige verharrt nicht in Vergangenheitssehnsucht, sondern zieht aus der Erinnerung Motivation für heute.

Hinrich Kuessner sitzt an einem Tisch und führt im Raum ein Gespräch, während seine Hände vor einer Tasse gestikulierend zusammengelegt sind.
Hinrich Kuessner sitzt an einem Tisch und führt im Raum ein Gespräch, während seine Hände vor einer Tasse gestikulierend zusammengelegt sind.

Das Misstrauen gegenüber dem SED-Regime wurzelt tief in seiner eigenen Familiengeschichte. Im Jahr 1947 wurde seine Tante verhaftet, weil sie einen Brief ihres Bruders aus der Westzone bekam. Darin schilderte dieser die grausamen Ereignisse beim Einmarsch der Roten Armee in Königsberg. Zweieinhalb Jahre lang wusste die Familie nicht, ob die Tante überhaupt noch lebte. Erst nach sieben Jahren Haft im Straflager Sachsenhausen und in DDR-Zuchthäusern kam sie 1954 frei. Diese Erfahrung prägte die Familie zutiefst und formte auch bei Kuessner eine kritische Haltung gegenüber dem Staat, weshalb er weder den Pionieren noch der FDJ beitrat. Allein das war schon ein Verhalten, das sanktioniert wurde – so durften seine Geschwister und er nicht frei aussuchen, was sie lernen oder studieren wollten.

Wie paradox und überwacht das Leben und der Alltag in der DDR waren, erlebte Kuessner auch an den Wahlurnen – eine geheime Wahl gab es de facto nicht. Wer der Einheitsliste der Nationalen Front zustimmen wollte, musste den Stimmzettel schlicht falten und direkt in die Urne werfen. Eine Wahlkabine im eigentlichen Sinne gab es meist gar nicht: Als Kuessner in Neu-Boltenhagen zur Wahl ging und dennoch den Vorhang der „Wahlkabine“ beiseiteschob, stieß er mit dem Kopf direkt gegen eine verschlossene Tür. Ein Gang hinter den Vorhang war ohnehin hochgradig verdächtig: Wer gegen die Kandidaten der Nationalen Front stimmen wollte, musste mühsam jeden einzelnen Namen auf dem Zettel durchstreichen – wohlwissend, dass der Gang in die Kabine ebenso protokolliert wurde, wie das nicht-Erscheinen zur Wahl. Bei der Kommunalwahl im Mai 1989 beobachtete Kuessner die Auszählungen systematisch mit und half, den massiven Wahlbetrug der SED öffentlich zu entlarven.

Dennoch blickt er nicht mit Verbitterung auf seine Biografie zurück: „Vieles hat mir an der DDR nicht gefallen, aber ich habe auch viele schöne Erinnerungen an die DDR. Man lebte mit Familie und Freunden und hat sich gute Erlebnisse geschaffen. Ich habe in der DDR keineswegs griesgrämig gelebt, sondern hatte eine wunderbare Kindheit und später ein gutes Leben.“

Hinrich Kuessner sitzt im Sessel vor einem gut gefüllten Bücherregal.

Seine kritische Haltung gegenüber dem SED-Regime mündete im Herbst 1989 in aktiven Widerstand. Bereits im August gründete er gemeinsam mit Mitstreitern die Gruppe „Gewaltloser Dialog“. Ihr Ziel war es, in Greifswald ein erstes Friedensgebet zu organisieren. Das Vorhaben stieß zunächst auf Widerstand innerhalb der Kirche. Erst später wurde bekannt, dass der Bischof und weitere Mitglieder der Kirchenleitung als Informelle Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit tätig waren.

Beim schließlich stattfindenden Friedensgebet erfuhren die Mitglieder der Gruppe erstmals von weiteren Initiativen, die sich parallel in Greifswald gegründet hatten. Bis dahin hatte niemand öffentlich über die eigenen Aktivitäten gesprochen.

Ab September 1989 bildete sich eine Gruppe des Neuen Forums, die sich innerhalb kurzer Zeit organisierte. Es entstanden rund zwölf Arbeitsgruppen, die sich unter anderem mit Städtebau, einer neuen Verfassung, Kultur des Umgangs, Randgruppen und Umweltfragen beschäftigten. Alle zwei Wochen fanden außerdem öffentliche „Mensa-Dialoge“ statt.

An einen dieser Abende erinnert sich Hinrich Kuessner besonders gut: Der Mensa-Dialog am 9. November 1989 fiel auf den Tag, an dem die Mauer geöffnet wurde. „Wir diskutierten über das gerade erlassene DDR-Reisegesetz, das niemand gut fand, sowie über Demokratie in Greifswald. Mitten in der Diskussion platzte die Nachricht herein, dass die Mauer offen sei. Jemand rief noch: ‚Das stimmt doch gar nicht!‘ Wir schickten jemanden los, um die Nachricht zu überprüfen, während im Saal weiterdiskutiert wurde.“

Als am 4. Dezember 1989 dichte Papierasche aus dem Schornstein der Greifswalder Stasi-Zentrale stieg, druckte Kuessner auf seinem heimischen West-Computer 200 Flugblätter und verteilte sie spontan auf dem Marktplatz. Als eine der wenigen Städte in der DDR besetzten die Bürgerrechtler an diesem Tag nicht nur die Stasi, sondern zeitgleich auch die SED-Kreisleitung und hielten beide über zwei Wochen besetzt. „Für uns war klar: Die SED war der Befehlsgeber der Stasi. Wenn man etwas ändern wollte, musste man bei der Partei anfangen“, betont er. Ein Volkspolizist wies sie auf einen Hintereingang hin, wo bereits Säcke voller Akten für einen Abtransport bereitstanden. Kuessner, andere Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung und SED-Genossen versiegelten mit einem Staatsanwalt die Räume und gründeten einen Untersuchungsausschuss, um die Dokumente vor der Vernichtung zu bewahren, systematisch durchzuarbeiten und die Ergebnisse zu veröffentlichen. Den Abschlussbericht kann man bis heute in der Universitätsbibliothek einsehen.

Buch „Der Greifswalder Herbst“ auf Tisch; im Hintergrund eine Isolierkanne.
Flyer "8 Gründe warum wir die AfD nicht wählen. - Informieren. Vergleichen. Wählen" auf einem Stapel Bücher auf einem Tisch mit Kaffeetassen.

Heute, mit 83 Jahren, kämpft der Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60+ gemeinsam mit Mitstreiter*innen aus ganz unterschiedlichen Parteien und ohne Parteibuch gegen das Erstarken der AfD und die Verödung des ländlichen Raums. Wenn er durch die vorpommerschen Dörfer fährt, sieht er verfallene Häuser, geschlossene Läden und Menschen, die sich seit den radikalen Umbrüchen der Nachwendezeit allein gelassen fühlen.

Statt zu resignieren, ergriff er die Initiative: Gemeinsam mit inzwischen 60 Ehrenamtlichen hat sein Team bereits 24.000 Infoflyer verteilt, um an den Haustüren sachlich über konkrete politische Folgen, die mit einer AfD Wahlentscheidung einhergehen, ins Gespräch zu kommen. Wie schon 1989 stehen sein voller Name und seine Adresse auf jedem Flyer. „Wenn wir der AfD das Fundament entziehen wollen, müssen wir viel stärker in die Dörfer gehen“, erklärt Kuessner.

Auch an Schulen engagiert sich Kuessner als Zeitzeuge. An der Käthe-Kollwitz-Schule initiierte eine Lehrerin ein Projekt, bei dem Kuessner von seiner Schulzeit erzählte und die Schulkinder danach ihre Großeltern zu deren Schulzeit befragten. Dadurch entstand in manchen Familien erstmals überhaupt ein Austausch über die DDR-Vergangenheit.

Hinrich Kuessners Wirken zeigt: Demokratie lebt vom Machen, vom Haltung-Zeigen und vor allem vom gegenseitigen Zuhören. Sein dringender Appell an uns alle lautet daher: Werdet aktiv und geht in das persönliche Gespräch! Fragt eure Eltern, Verwandten, Großeltern oder Nachbarinnen und Nachbarn, wie sie damals die DDR und die Umbruchszeit erlebt haben. Wir können unendlich viel voneinander lernen, wenn wir einander wieder aufmerksam zuhören. Und seid aktiv für die Demokratie, sie wurde uns nicht geschenkt, sie wurde von mutigen Menschen wie Hinrich Kuessner friedlich erkämpft.

Nahaufnahme einer Buchseite mit der Überschrift „VORWORT“ und Text, der die Bedeutung der friedlichen Revolution hervorhebt..

Tipps zum Weiterlesen & Vertiefen

Für alle, die noch mehr über die Vergangenheit erfahren und das historische Geschehen verstehen wollen, bieten zwei Schriften von Hinrich Kuessner tiefere Einblicke:

„DDR – Ein Staat der sozialistischen Demokratie! Ein Unrechtsstaat? Eine Diktatur?“

„Der Greifswalder Herbst ’89“

Beide Bände bieten eine faszinierende Sammlung aus persönlichen Erinnerungen, Zeitdokumenten, Protokollen der damaligen Mensa-Dialoge, Fotos und Niederschriften. Ein absoluter Lesetipp für alle, die selbst dabei waren, die ostdeutsche Transformation verstehen möchten oder Leidenschaft für Regionalgeschichte mitbringen!

Aus technischen Gründen können wir die Schriften hier leider nicht verlinken, wer Interesse hat, kann aber gerne an elisa.seese@raa-mv.de schreiben und bekommt eine Kopie als PDF! Die Dokumente und Schriften sind auch alle im Stadtarchiv und im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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