Der Vollblutdigitalisierer von Schlatkow

Der Wind weht kühl über das Kopfsteinpflaster von Schlatkow, die Blätter der alten Bäume leuchten in einem kräftigen Herbstgold. Jan-Henrik Hempel nimmt uns mit und zeigt uns sein Dorf. Wer ihn hier trifft, sieht keinen typischen „Digital-Nerd“, sondern einen Mann, der die Ruhe und Bodenhaftung Vorpommerns schätzt. Doch unter der Oberfläche der ländlichen Idylle arbeitet Hempel an einer kleinen Revolution der Information.

Als Hempel 2011 mit seiner Familie aus Berlin hierherzog, prallte die großstädtische Naivität auf die raue, aber herzliche Realität des Dorflebens. „Man kommt so aufs Dorf als naiver Berliner und denkt sich so: Was ist hier eigentlich los? Und du weißt nichts, weißt wirklich gar nix“, erinnert er sich schmunzelnd. Die Initialzündung für sein Engagement war keine komplexe IT-Frage, sondern schlicht der Wunsch nach frischen Brötchen am Samstagmorgen.

Zwei Wochen lang fragte die Familie in der Nachbarschaft herum, ob und wann ein Bäckerwagen fahre. „Dann sind wir irgendwann einfach morgens aufgestanden und haben uns auf die Lauer gelegt. Meine Frau hat sich dann 6:30 Uhr mit einem Kaffee ans Fenster gesetzt und hat geschaut, wann er kommt.“

Als der Wagen schließlich gesichtet wurde, hielt er nicht einmal an – sie mussten ihm mit dem Auto ins Nachbardorf hinterherfahren, um einen Halt in Schlatkow zu vereinbaren.

Es ist dieses Gefühl der Informationsnot, das Hempel antreibt. Auf dem Land sind Informationen oft unsichtbar – sie hängen als Flyer im Schaukasten oder verbreiten sich nur durch geschlossene Messenger-Gruppen. Das ist nicht nur für Neuzugezogene frustrierend, sondern auch eine enorme Belastung für die Ehrenamtlichen vor Ort. „Die laufen alle auf dem Zahnfleisch“, sagt er über die engagierten Nachbarn, die oft fünf verschiedene Ämter gleichzeitig bekleiden und kaum Zeit finden, ihre Angebote auch noch ausreichend zu bewerben.

Hier setzt sein Projekt „Schafe vorm Fenster“ an. Der Name ist eine augenzwinkernde Hommage an seine Zeit als Bürgermeister von Schmatzin, als die Gemeinde tatsächlich noch eine eigene Schafweide unterhielt, die er von seinem Küchenfenster aus sehen konnte. Was wie eine ländliche Spielerei klingt, ist im Kern ein mächtiger, barrierefreier Ortskalender. Er sammelt dezentral Daten – von der Müllabfuhr über die Kirchengemeinde bis zum Sportverein – und macht sie ohne Hürden zugänglich.

Dabei räumt der Softwarearchitekt mit dem Klischee vom „toten Dorf“ auf. Wenn man durch den Herbst fährt, wirke alles leer, doch das täusche. „Wenn man alles sammelt, ist plötzlich in jedem Dorf jeden Tag irgendwas los. Wir müssen das nur sichtbar machen.“

Hempel geht es nicht um Technikverliebtheit, sondern um echte Begegnung. „Ich versuche, diese Distanz vor 'Das ist ja was mit digital' abzubauen. Es ist total paradox: Jeder sitzt den ganzen Tag am Smartphone, aber viele haben Angst vor Software und Kommunikation im Internet.“ Er sieht Digitalisierung als Werkzeug, um die „Macher“ zu entlasten und die Gemeinschaft zu stärken. Denn für Hempel steht fest: Wer weiß, was vor dem eigenen Fenster passiert, findet schneller den Weg aus der Haustür zum nächsten Nachbarn. Oder wie er es sagt: „Es geht am Ende darum, dass sich Menschen begegnen. Aber dafür müssen sie erst einmal wissen, was los ist.“

Möchten Sie wissen, was in Ihrer Gemeinde los ist? Besuchen Sie Schafe vorm Fenster und entdecken Sie die Vielfalt vor Ihrer Haustür – oder tragen Sie Ihre eigenen Termine kostenlos ein!

Unsere Terminsammlung auf der Website funktioniert im Übrigen auch über Schafe vorm Fenster. Ganz einfach und unkompliziert.